Künstlerportrait: Manuela Bößel-Stallforth
Tangofish
Klein. Cordhose, runde Brille, endlos langes, ein bisschen verstrubbeltes schwarzes Haar. So lerne ich, vor knapp zwei Jahren, Manuela Bößel-Stallforth kennen. Tango-Künstlerin, ganz klischeehaft mit Selbstgedrehter im Mundwinkel, bitterbösem Sarkasmus und voller mütterlicher Warmherzigkeit. Mit ihr zu lästern ist fast so gut, wie sich von ihr von diversen Tango-Amouren trösten zu lassen.
Nach zwei, drei Monaten traue ich mich endlich, sie aufzufordern. Die erste Milonga ist wackelig, bei der zweiten schmiegt sich ihr Körper an mich, ihre Stirn passt gerade unter mein Kinn. Bei der dritten können wir vor Lachen und Tango-Flow nicht mehr aufhören, und seitdem hat sie unter der Reihe meiner Lieblingstänzerinnen einen Stammplatz.
Lange später lerne ich Manuela Bößel-Stallforth, die Künstlerin, kennen: kreativ-professionelle Milonga-Fotos, Newsletter mit Karikaturen – und immer wieder großflächige Bilder, dazu Kurzgeschichten und Illustrationen, Gebrauchskunst zum Anfassen und virtuell. Alle Tango-Arbeiten haben dabei ein Ziel: das Wesen des Tango in Kunstformen zu übersetzen, so dass es greifbar, sichtbar, spürbar wird.
Der Weg zur Künstlerin war ihr eigentlich in die Wiege gelegt: Vom Großvater lernte sie das künstlerische „Handwerk“, vom Vater genaues Hinschauen und Sorgfalt, und von den Frauen der Familie ein offenes Herz und die Freude, nicht nur am Tanzen.
Die Verknüpfung aus Familientradition, künstlerischem Können und der eigenen Tango-Begeisterung ist das logische Ergebnis: Tangobilder und Skulpturen für Tangueros und als Ergänzung des Portfolios Graphikarbeiten und Homepage-Design. Gerade bei letzterem merkt man, dass Manuela Bößel-Stallforth Gebrauchskunst im besten Sinne fertigt: übersichtlich, nutzerfreundlich und dennoch optisch ansprechend und mit vielen Detailideen, die dem Betrachter spontan ein Lächeln aufs Gesicht malen.
Ein besonderes Projekt sind Tango-Auftragsbilder: Paare tanzen – entweder auf der Milonga oder privat – ihren ganz individuellen Tango, während Manu mit Bleistift oder Kamera skizziert und die erspürten Emotionen dann in ein Bild umsetzt. Dazu wurde sie u.a. nach Prag eingeladen. Dies zeigt viel mehr als ein Portrait der Tanzenden: es ist ein Spiegel dessen, wie die Paare im Tango sind, welche Rolle sie spielen, welche Gefühlspotentiale sie freisetzen.

Bild: portrait prag (Tuschezeichnung mit chinesischem Kalligraphiepinsel): Portrait zweier Tanzender

Bild Desde el alma : eine innige, liebevoll-intime Vals
Für sie selbst ist das Zeichnen auch Katharsis: „Manchmal“, so sagt sie, „muss ich mir die Bilder aus der Seele malen.“ Hierbei entstanden z.B. „Desde el alma“, die bildliche Darstellung der innigsten aller Valses, oder „Corazón“: wie viel Intensität muss in einem Blick liegen, dass das Auffordern per Blickkontakt klappt? 
Bild Corazón : wer könnte diesem Blick widerstehen – freilich nur auf einen Tanz…
Von der Hand aufs Papier
Zumeist arbeitet Manuela Bößel mit Ölfarben, Tusche (am liebsten mit Kalligraphie-Pinsel und Sepiatusche), Acryl auf Leinwand oder praktisch-pragmatisch mit Grafiktablett direkt „in den Computer hinein“ – meist in haptisch-griffigen, konturbetonten Stil. Wichtig ist ihr, dass die Bilder direkt vom Auge in die Hand gehen, skizziert werden, ohne aufs Papier zu schauen: nur so spiegeln sich später nicht nur ein detailgenauer Abklatsch der Wirklichkeit, sondern vielmehr die dahinter stehende Emotion, die Tangowünsche und –träume der Tanzenden im späteren Bild wieder.

lun'azul (digitale Illustration)

lady (sumipinsel)
Pablo und Madame Rosalie
Die Spannung zwischen Wunsch und Wirklichkeit inspiriert auch so manche satirische Überzeichnung von Tango-Charakteren: Pablo, langjähriger Comicfiguren-Chef des lokalen Newsletters und seine Mama Madame Rosalie, die satirische Umsetzung verschiedener Tanguero-Charaktere als absurde Begegnung von Nachtschattengewächsen oder die Darstellung einiger der vielen Tango-Sprichwörter, die Neulingen ans Herz gelegt werden und die die Alten immer wieder interpretieren. 
Frau Kartoffel vernascht Herrn Schnittlauch (colorierte Tuschezeichnung): aus der Serie „Nachtschattengewächse“ (auch das Thema einer Faschings-Milonga)

Hut (digital Pixel): das immer wieder gehörte Sprichwort "Ein guter Tanguero tanzt im Schatten seines Huts" bildlich umgesetzt
An der Laterne
Manuela Bößel-Stallforths „tangofish“ umfasst alle ihre Projekte – und im Vergleich mit dem Namensgeber Babelfish (einem automatischen Sprach-Übersetzungtool) ist es 100% treffsicher. So muss Tango sich anfühlen, so muss er schmecken – wie der Farbstrudel einer schwülen Sommernacht, engumschlungen im Halbdunkel zwischen Mond und Laterne….

Sommernacht (Vektorgrafik)
Kurzinfo: Manuela Bößel-Stallforth, Hainhofen bei Augsburg, www.tangofish.de
Illustrationen alle von Manuela Bößel-Stallforth,
Erste Illsitration: princesa (digitale Illustration/Holzschnitt)
Foto von Manuela © Uwe Philip




