Tango
Vertikal und Horizontal
Primäre Assoziationswolken zum Tango zeigen meist schwarzhaarige Damen mit netzbestrumpften highheelbewehrten Beinen, die mit melancholischem Blick und einem schmucken Latin Lover engumschlungen durch nebligblaue erotikknisternde Dämmerung schweben. Am Straßenrand ein alternder Bandoneonspieler, Tränen der Sehnsucht in den Augen, eine langstielige Rose quer im Mund.
„Vertikaler Ausdruck horizontaler Absichten“ und „ein trauriger Gedanke, den man tanzen kann“ sind Zitate, die tausendfach wiederholt werden. Wissenschaftliche, kulturhistorische und philosophische Betrachtungen des Phänomens „Tango“ gibt es zuhauf.
Meine zehnjährige Erfahrung als „Tangouserin“ ergänzt diese Bilder mit weniger romantischen Eindrücken: Ü50-Mitbürger in karierten Funktionshemden, die sich gemächlich zu lauer Schrammelmusik bewegen, können genauso desillusionieren wie pfauenradschlagende Ü30er, welche diesen Tanz
lediglich als schmückendes Beiwerk zur Brautschau nutzen. Verzweifeltes Schwitzen, wenn sich das gewünschte Tangogefühl nicht einstellen mag und Fluchen auf den inneren Schweinehund, der am Verbesserungswunsch der eigenen Technik nagt.
Bittersüß
Mit himmelblauen Valses sich lachend wieder ins Gleichgewicht tanzen, zu weinenden Geigen und Dickermännergesang gemeinsam improvisieren, in Paralleluniversen entschweben - Bewegungen, die sich anfühlen so zart wie der Hauch von erstem Schnee, das Blitzen im Auge des Gegenübers... auch das ist Tango.
Den Tango, den ich kennengelernt habe, mein Tango, wohnt irgendwo dazwischen, manchmal über sich selber lachend, gewürzt mit dem gesamten funkelnden emotionalen Spektrum, das die paradoxe Mélange des Lebens ausmacht. Jedes Mal neu und anders daher kommend, lässt er mich noch immer staunen.
Aber eigentlich ist alles ganz einfach: zwei Menschen kommunizieren tanzend, in Umarmung, gerahmt von Musik. Kein Schritt ist vorgegeben. Der Tango schenkt die Form, die die beiden dann sinnlich und emotional füllen. Er lebt vom Augenblick, wenn man bereit ist, sich auf ihn einzulassen. Und schon schmeckt der Tango nach Bitterschokolade mit Schlagobers.
Fotos von Manuela Bößel-Stallforth



